Die Möglichkeiten von Open Innovation werden überschätzt

Dass Unternehmen laufend (und sogar in immer kürzeren Zyklen) neue Ideen benötigen, um an ihren Märkten langfristig bestehen zu können, sei nur noch einmal zur Einleitung erwähnt. Das Kreativitätszeitalter ist da, wo Unternehmen nicht mehr mit alten Konzepten überzeugen können. Es sind die kreativen und disruptiven Ideen, die Unternehmen langfristig Märkte dominieren lassen.

Das Gute ist, dass die Potenziale, die sich durch die Globalisierung, immer neue Forschungsergebnisse und die Digitalisierung ergeben, unglaublich vielversprechend sind. Diese enormen Potenziale müssen „nur“ marktgängig gemacht werden und der Erfolg stellt sich zwangsläufig ein. Dazu braucht es lediglich „wirklich gute Ideen“ und natürlich die Kraft der Umsetzung eben dieser neuen Ideen.

Im Umfeld zu den intensiv diskutierten Themen „Ideation“, „Innovationsmanagement“ und „Kreativität“ kommt immer wieder die berechtigte Frage auf, „woher diese neuen Ideen denn stammen sollen, die Unternehmen regelmäßig benötigen!?“. Dabei wird dann u.a. festgestellt, dass Kreativität ja erlernbar ist, genauso wie das systematische Entwickeln von Ideen und das Querdenken. Das bedeutet, dass man als Unternehmen grundsätzlich in der Lage ist, seine benötigten disruptiven Ideen selber zu entwickeln. In der Praxis ist das natürlich nicht ganz so einfach: Solche Ideen sind in Unternehmen meist weder in der Menge noch in der benötigten Güte vorhanden.

Gerne sucht man Inputgeber für die dringend benötigten neuen Ideen auch extern. Daher kommt dem Ansatz der „Open Innovation“ oder dem „Crowd Sourcing“ eine wachsende Bedeutung zu. Es gibt zahlreiche hervorragende Portale für Open Innovation: Beispielhaft sein der Querdenker Club, innoget, Innocentive und IdeaConnection genannt. Dort können Auftraggeber einen Ideenwettbewerb starten, Aufgabenstellungen posten, einen Preis ausloben und dann eine Community unbekannter „Solver“ Ideen zu ihrer Aufgabenstellung erarbeiten lassen. Das bringt zahlreiche Ideen, die der Auftraggeber dann sichtet und – je nach Qualität und Passgenauigkeit – aufgreifen kann. Dies ist ein guter Ansatz, Open Innovation funktioniert, das ist gar keine Frage!

In diesem Blogbeitrag möchte ich jedoch den Ansatz der Open Innovation und der Ideenwettbewerbe kritisch hinterfragen: Wie ist es um den Tiefgang der Ideen und der Intensität, mit der die Open Innovation Solver an neuen Ideen arbeiten – wie ist es um die Qualität der so entstehenden Ideen – bestellt?

Folgende These liegt dem zu Grunde: Wenn ein Ideenwettbewerb mit z.B. 10.000 USD ausgeschrieben wird, dann klingt das erst einmal sehr positiv und motivierend. Zuweilen werden statt Geld auch Naturalien (Gutscheine, Zeitschriften Abonnements usw.) angeboten. Das soll einen Solver dazu motivieren, seine Zeit zu investieren und tiefgehend Ideen zu generieren. Nur ist das wirklich so? Wer sind eigentlich die Solver, die ihrer Zeit in der Open Innovation investieren und Ideen bei Ideenwettbewerben einreichen?

Natürlich sind es vor allem Idealisten und Interessierte, die etwas Zeit für Ideation aufwenden oder Solver, die dies als Art Hobby betreiben. Sie machen das aus Spaß, weniger aus Gewinnerzielungs-Absicht. Man muss annehmen, dass sie wahrscheinlich nicht „allzu viel“ Zeit aufwenden (können). Man muss sich dabei noch einmal ganz klar machen, was Ideation bedeutet: Harte Arbeit. Das Entwickeln von quergedachten Ideen dauert eher Tage als Stunden. Man muss sehr intensiv und konzentriert daran arbeiten. Aus Sicht der benötigten Kreativität ist es vorteilhaft, wenn sogar ein ganzes Team gemeinsam an einer Aufgabenstellung arbeitet und sich wechselseitig inspiriert. Dabei bedarf es echter Methodik – ein „ich denke mal etwas über die Aufgabenstellung nach“ ist absolut nicht ausreichend für das Erzeugen der gewünschten disruptiven Ideen.

In diesem Beitrag wird daher die These vertreten, dass „Hobby Solver“ nicht ausreichend Zeit aufbringen (können), vielleicht auch nicht über das benötigte Methodenwissen und auch nicht über die praktische Erfahrung verfügen, um die Menge und Qualität an Ideen zu generieren, die es braucht. Auch darf man in Frage stellen, ob der unbedingt benötigte „Drang zum Erfolg“ bei dieser unverbindlichen Art der Mitarbeit in Ideenwettbewerben o.ä. gegeben ist. Es braucht den harten Erfolgsdruck, um richtig und intensiv querzudenken und neue Ideen zu einer Aufgabenstellung systematisch und ernsthaft zu entwickeln.

Ideation Profis, die diese Art von Aufgabenstellung hauptberuflich bearbeiten, können natürlich auch als Solver an solchen Ideenwettbewerben teilnehmen. Sie würden – theoretisch – ausreichend viel Zeit investieren und wirklich intensiv mittels Kreativitätstechniken für die gestellten Aufgaben querdenken können. Nur werden sie das tun? Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist nicht anzunehmen, dass solche professionellen Solver an Ideenwettbewerben der o.g. Art mitwirken. Die Konditionen der Ideenwettbewerbe verbieten dies förmlich. Wenn man berücksichtigt, dass meist 300 bis 500 Solver Ideen zu einem Wettbewerb einreichen, dann ist offensichtlich, dass ein professioneller Solver seine wertvolle Zeit nicht investieren kann. Der Preis wird oft unter ausgewählten 3 Ideen aufgeteilt. Das bedeutet für die Solver im Umkehrschluss, dass 97%-99% von ihnen leer ausgehen. Diesem Risiko des Nicht-Entlohnt-Werdens kann sich ein professioneller Solver nicht aussetzen, auch wenn man unterstellen kann, dass er seine Arbeit wirklich sehr gut machen wird. Professionelle Solver werden bei den o.g. Konditionen nicht an Open Innovation mitwirken. Das Restrisiko, für seine Arbeit am Ende nicht entlohnt zu werden, ist zu groß.

Die Konsequenz ist, dass die Ideen, die per Open Innovation eingereicht werden, im Wesentlichen von Hobby-Solvern stammen. Das birgt ein Risiko für die Auftraggeber: Vielleicht denken sie, dass „es das schon war und alle möglichen disruptiven Ideen nach dem Ideenwettbewerb auf dem Tisch liegen“. Das wäre fatal!

Für das systematische Entwickeln wirklich neuer, quergedachter und vielleicht disruptiver Ideen braucht es viel mehr Energie, Methodik und Konzentration, als man durch Open Innovation erreichen kann. Daher sind Ideen aus der Open Innovation vielleicht gut, wahrscheinlich aber längst nicht gut genug. Wahrscheinlich ist, dass die Intensität, mit der sich die Open Innovation Solver mit der Aufgabenstellung befassen (können), eher gering ist. Die Ideen haben wahrscheinlich nicht den benötigten Tiefgang und erst recht nicht den benötigten „Quergang“. Das ist auch völlig ok, wenn man Open Innovation nur als „weiteren Inputgeber“ für seinen Kreativitätsprozess betrachtet.

Hinzukommt, dass der Prozess der Open Innovation lange braucht. Idea Challenges dauern zwischen ein bis drei Monaten. Professionelle Solver benötigen vielleicht eine Woche. Und das Ergebnis bei Open Innovation ist aus Sicht des Auftraggebers ungewiss bezüglich Anzahl, Umfang und Güte der von den Solvern der Community eingereichten Ideen. Und ob ein Unternehmen es schätzt, wenn seine strategischen Fragestellungen in der Öffentlichkeit diskutiert werden, muss jedes Unternehmen für sich bewerten.

Man sollte nicht davon ausgehen – und hier liegt eine Fehlinterpretation in der herrschenden Diskussion um Open Innovation – dass sich die „Kraft und Inspiration von tausend Solvern“ zwangsläufig summieren würde zu etwas ganz großem. Das Ergebnis ist ein Sammelsurium vieler kleiner Ideen, vielleicht auch einiger wirklich guter. Aber die benötigten marktdifferenzierenden – disruptiven – Ideen mit großer Tragweite für die Zukunft werden so eher selten entstehen. Darüber sollten sich die beauftragenden Unternehmen klar sein. Open Innovation liefert willkommenen Input, man sollte sich als Auftraggeber nur die Prüffrage stellen, „ob das schon ausreicht!?“.

Fazit: Es bleibt damit trotz Open Innovation eines der grundlegenden Probleme aus Sicht von Unternehmen, die neue, wirklich quergedachte und disruptive Ideen suchen: Sie selbst können sich oft nicht ausreichend Zeit nehmen, es fehlt – parallel zum Tagesbetrieb – die Kraft für Ideation und meist ist die benötigte Kreativitätsmethodik nicht vorhanden. Auch fehlt es zuweilen an Unbefangenheit, um wirklich intensiv zu seinen Fragestellungen querdenken zu können. Open Innovation löst diese Probleme – dann doch überraschenderweise – nicht.

Möchte man verlässlich und zeitnah wirklich quergedachte Ideen erhalten, gelingt dies nur so: Entweder, (a) man schafft Zeitfreiräume und Kompetenz intern in seiner eigenen Organisation und entwickelt die benötigten quergedachten Ideen selbst. Oder (b) man beauftragt einen externen Experten, der eben genau darauf spezialisiert ist, dies zu tun, nämlich „neue Ideen systematisch zu erzeugen“. Ideen aus der Open Innovation können dabei (nur) eine willkommene Ergänzung darstellen.

Carsten Nolte, 2. April 2015

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